leogistics Rail | 28. 01. 2021
by leogistics
10 Fragen an: Christiaan Carstens

Herausforderungen und Zukunftstrends des Verkehrsträgers Schiene


Nachdem wir in unserem ersten „10 Fragen an“-Artikel mit CEO André Käber auf das Cloud-Geschäft eingegangen sind, widmen wir uns dieses Mal dem Thema Schiene. Christiaan Carstens hat als Projektleiter und Ideengeber maßgeblich unsere Lösung leogistics Rail geprägt und stellt sich nun unseren Fragen. 



HERR CARSTENS, WAS MACHT DEN VERKEHRSTRÄGER BAHN FÜR LEOGISTICS SO INTERESSANT? 

Christiaan Carstens (CC): Die Schiene birgt im Unterschied zu anderen Verkehrsträgern spezielle Herausforderungen für logistische Prozesse – aber auch riesiges Zukunftspotenzial. So wird vieles noch immer analog abgewickelt. Der elektronische Datenaustausch auf Basis einheitlicher Standards sowie weitreichende kollaborative Szenarien sind noch nicht übergreifend etabliert. Dabei bietet das Feld der schienengebundenen Logistik riesiges Potenzial zur Optimierung und Digitalisierung. Genau hier können wir mit unserer Expertise und mit unseren Lösungen direkt ansetzen und schnell Optimierungspotentiale für unsere Kunden realisieren.  

Zusätzlich wird das Volumen des Verkehrsträgers Schiene zwangsläufig wachsen. Vor dem Hintergrund der ambitionierten Klimaziele der EU ist es nur eine Frage der Zeit, bis der bis dato vorhandene Marktanteil von ca. 18 Prozent der schienengebundenen Transporte im Güterverkehr weiter anwachsen wird. Um dieses Wachstum bewältigen zu können, bedarf es ebenfalls Lösungen, die zum einem in Richtung Volumen skalieren sowie zum anderen den Verkehrsträge Schiene insgesamt für die verladende Industrie noch interessanter machen. 



WELCHEN STELLENWERT HAT DIE DIGITALISIERUNG VON SCHIENENGEBUNDENEN TRANSPORTEN HEUTE? 

CC: Der Verkehrsträger Schiene wurde über Jahrzehnte, was Optimierung und speziell die Digitalisierung betrifft, vernachlässigt. Während die Integration von Echtzeitdaten, Nutzung moderner Optimierungstechnologie bis hin zur Objekterkennung und in Teilen Künstliche Intelligenz bei der Abfertigung von LKWs bereits weit etabliert sind, stecken diese Ansätze im Bereich der schienengebundenen Transporte oftmals noch in den Kinderschuhen. Dieser Zustand zeigt sich sehr stark bei den Werks- und Anschlussbahnen der verladenden Industrie. Gerade hier wächst die Nachfrage nach digitalen Lösungen, die Infrastruktur, neue Technologien, unternehmensübergreifende Integration sowie gewachsene und auch neue fachliche Anforderungen intelligent miteinander verbinden.  



UND WIE WIRKT SICH DAS AUF UNSER BERATUNGSANGEBOT AUS? 

CC: Diesem Zustand ist es zu verdanken, dass wir als leogistics aktuell viele Projekte, insbesondere im Bereich der Umschlags-, Hafen-, Werks- und Anschlussbahnen umsetzen. Die Schiene stellt, bei weiterer Modernisierung, Digitalisierung und Zunahme der Bereitschaft zur Kollaboration den Verkehrsträger der Zukunft dar. Sie dient nicht nur als Chance, die ambitionierten Klimaziele überhaupt im Ansatz erreichen zu können, sondern auch als Mittel, um Kostenreduktionspotenziale im intelligenten Modal-Split zu realisieren. Eine nahtlose Zusammenarbeit gut orchestrierter KV-Ketten spielt dabei eine ebenso zentrale Rolle wie die störungsfreie Integration von Strecken EVUs und Anschlussbahnen auf der letzten Meile.  

Die Digitalisierung genau dieser Themen wird einer der künftigen Beratungsschwerpunkte sowie ein wesentlicher Investitionsbereich für innovative IT-Lösungen der leogistics GmbH sein. 



WELCHE ANWENDERSZENARIEN WERDEN IN DIESEM BEREICH BESONDERS HÄUFIG ANGEFRAGT?

CC: Die Nachfragen sind vielfältig, da letztendlich jede Lösung kundenindividuelle Besonderheiten abdecken muss. Vielfach ist es die Physik eines Standortes oder eines Gleisbereiches, eine besondere Konstellation von Prozessbeteiligten oder auch die Notwendigkeit einer tieferen Integration, die den Ausprägungsgrad der Lösung bestimmt.  

Generell betrifft es drei Bereiche: Bei der Werkslogistik geht es darum, alle an einem Standort abzufertigenden Verkehrsträger in einer Lösung integriert mit den dort vorhandenen Produktions- und Versandplanungs- sowie ERP-Systemen abzubilden. Innerhalb eines solchen Lösungsszenarios gilt es, die für die jeweiligen Anwendungsgruppen (Strecken-EVU, Werksbahn, Ladestellen, LKW-Abfertiger, Werkssicherheit etc.) relevanten Daten und Funktionen anwendergerecht und intuitiv aufzubereiten.  

Vor allem die Aufgabenstellung „Weg von Papier, Funk und Improvisation“ wird immer häufiger gestellt. Neue Technologien, moderne mobile Anwendungen, aber auch Funktionen im Bereich Sprachsteuerung und Assisted Reality, welche beispielsweise im Bereich der Lagerlogistik bereits marktfähig sind, halten hier Einzug.  



WAS HEBT DIE SCHIENE NOCH VON ANDEREN VERKEHRSTRÄGERN AB? 

CC: Der Schienengüterverkehr zeichnet sich dadurch aus, dass dieser Unternehmensgrenzen-überschreitend aufgeteilt ist und jeder mit jeweils eigenen Zuständigkeiten einen Teil der gesamten Logistikleistung erbringt. Die Performance in einem solchen Konstrukt ist umso höher, je besser die verschiedenen Disziplinen und Akteure zusammenarbeiten. Aus diesem Grund werden insbesondere Lösungen, die eine kollaborative Planung sowie Zusammenarbeit ermöglichen, verstärkt nachgefragt.  

Folgendes Beispiel für eine schienengebundene Distributionslogistik macht es deutlich: Im verladenden Sektor ist es nicht unüblich, dass die Bahntransportplanung zentralisiert ist. Die eigentliche Abfertigung der Waggons und Züge findet in vielfach dislozierten Werken oder sonstigen Lager- und Verladeeinrichtungen statt. Die zur Verladung erforderlichen Rangiertätigkeiten erfolgen selten durch eine eigene Werksbahn, vielfach jedoch durch einen Rangierdienstleister. Die eigentliche Transportdienstleistung wird durch ein Eisenbahnverkehrsunternehmen durchgeführt.  

Damit wird klar, dass Kundenzufriedenheit vom reibungslosen und integrierten Zusammenspiel dieser Akteure abhängt. Hierzu sind Kollaborationsplattformen notwendig, die zum einen ausgereifte Planungsalgorithmen bieten sowie zum anderen offen sind und einfaches On- und Off-Boarding logistischer Partner ermöglichen.



WAS IST DER DRITTE BEREICH? GIBT ES VIELLEICHT BESTIMMTE TRENDS?

CC: Im dritten Bereich, in dem immer häufiger Projekte nachgefragt werden, geht es um die Nutzung neuer Technologien und Möglichkeiten, wie beispielsweise Edge-/IoT-Anwendungen oder die Verwendung von Services auf Basis Künstlicher Intelligenz, z. B. zur Reihenfolgeoptimierung anstehender Rangiertätigkeiten. Besonders Themen rund um die Gewinnung und Verwendung von Echtzeitdaten haben derzeit eine herausragende Stellung. Dabei ist die reine Datenverfügbarkeit nicht der alleinige Mehrwert. Dieser wird erst gewonnen, wenn diese Daten mit prozesssteuernden und kommerziellen Daten intelligent verbunden und innerhalb der Logistiklösung für den schienengebundenen Transport rollenbezogen verfügbar gemacht werden. 



WIE GEHEN WIR BEI DER BERATUNG BZW. ENTWICKLUNG EINER ENTSPRECHENDEN DIGITALISIERUNGSLÖSUNG VOR? 

CC: Pauschal kann man das nicht sagen. Nur eines ist übergreifend gültig: Lösungen an den Anforderungen unserer Kunden vorbei nur um der Digitalisierung Willen werden nicht erfolgreich sein.  

In erster Linie stehen der Kunde und vor allem die Prozesse und Anforderungen des Kunden im Vordergrund. Oftmals gilt es, erst einmal auf der fachlich prozessualen Ebene gewisse Basics zu schaffen, damit die Digitalisierung erfolgreich greift. Was helfen die digitalsten Tools, wenn grundlegende Abläufe einfach nicht verbesserungsfähig sind? Ist die Basis vorhanden, richtet sich der Grad der Digitalisierung unser einzuführenden Logistiklösungen stark nach den Anforderungen, aber auch Fähigkeiten unserer Kunden. Hier finden wir verschiedene Level vor. Für den einen ist die Einführung einer modernen mobilen App bereits ein großer Schritt, für den anderen sind es Sensorik-gestützte Anstell- und Abzugsanforderungen für eine Werksbahn.  

Am Ende sind es jedoch immer noch Menschen, also Endanwender, die besonders im schienengebundenen Transport einen großen Anteil an der logistischen Wertschöpfung ausmachen. Diese gilt es auf der Reise der digitalen Transformation behutsam mitzunehmen und nicht durch Überspringen von Evolutionsstufen zu stark zu überfordern.  



WELCHE TIPPS GEBEN SIE EINEM NEUKUNDEN GERNE MIT AUF DEN WEG?

CC: Oftmals ist eine Politik der kleinen Schritte erfolgsversprechender als mit der digitalen Brechstange durch die Tür zu kommen. Diesem besonderen Zustand haben wir im Rahmen unserer leogistics-eigenen Einführungsmethodik eine besondere Stellung zugewiesen. Hierbei bauen wir auf einen teilagilen Ansatz, der sowohl etablierte Vorgehensweisen des eher klassischen Projektmanagements mit neueren Ansätzen aus dem Bereich SCRUM intelligent kombiniert – vor allem aber stets mit dem Ziel, nah am Kunden und Endanwender zu arbeiten. Neben der Bereitstellung der idealen Lösung auf technischer und funktionaler Ebene spielt zusätzlich das Management der anstehenden Transformation eine zentrale Rolle bei unseren Projekten. 



WIE NEHMEN SIE IN IHRER ROLLE ALS BERATUNGSLEITER DEN EINFLUSS DER CORONA-KRISE AUF DAS BERATUNGSGESCHÄFT WAHR? 

CC: Das letzte Jahr war für uns alle besonders und hat neue Herausforderungen mit sich gebracht. Verteiltes Arbeiten und die Notwendigkeit, viele Workshops remote in virtueller Umgebung durchzuführen, haben den ohnehin schon enormen Bedarf an Abstimmung und der Schaffung eines gemeinsamen Verständnisses erhöht. Uns dienen vor allem die kleinen Helfer wie digitale Boards für das Fortschrittstracking und verschiedene Kommunikationstools. 



HABEN SIE NOCH EIN PAAR SCHLUSSWORTE FÜR UNS?

CC: Nicht zuletzt ist der Team-Spirit wichtiger denn je. Große Transformationsprojekte sind immer eine Teamleistung. Nur wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen, können die Möglichkeiten in einem IT-Projekt vollständig genutzt werden. Eins hat uns die neue Situation aber erneut sehr deutlich gezeigt: Die Zeit, in der Softwareeinführungen immer mit vielen Onsite-Terminen verbunden waren, durchgeführt von großen Teams mit viel Overhead, sind endgültig vorbei.

Haben auch Sie Fragen zu leogistics Rail oder an Christiaan Carstens? Sie möchten einen Termin für eine Demo vereinbaren? Dann schreiben Sie an blog@leogistics.com