Port Logistics | 19. 09. 2019
by Jan-Philipp Horstmann
Die Vision vom vernetzten Hafen

WIE DIGITALISIERUNG IM BEREICH PORT LOGISTICS EINZUG HÄLT


Der Seeverkehr ist von jeher geprägt durch Schwierigkeiten in der Planbarkeit und Zuverlässigkeit von Informationen. Wetterbedingungen und Umwelteinflüsse wirken sich direkt auf den Ressourcenbedarf und die geplante Abfahrts- und Ankunftszeit der Schiffe aus. Bereits leichte Verzögerungen können Dominoeffekte auslösen. Wir erklären Ihnen, in wieweit Automatisierung und Digitalisierung im Hafenlogistikumfeld Einfluss auf Performance und Customer Experience haben können.

Diese Woche legen wir dabei den Fokus auf den Weg hin zum digitalen Hafen und betrachten in der kommenden Woche die Potentiale durch Automatisierung im Hafenumfeld. 



MARKTVERÄNDERUNGEN IM MARITIMEN LOGISTIKUMFELD

Im Austausch mit unseren Netzwerkpartnern zeichnen sich bestimmte Entwicklungen in der Hafenlogistik immer wieder ab:

  • Eine Konsolidierung und Bildung von Allianzen auf Seite der Reedereien hat eine Machtverlagerung hervorgerufen, die Hafen- und Terminalbetreiber zu Zusammenarbeit und Partnerschaften zwingt.
  • In den letzten Jahren ist es zu einer enormen Nachfrage nach Containerkapazitäten auf Schiffen gekommen, welcher durch neu in Auftrag gegebene und größere Schiffe begegnet wurde. Da sich nun Angebot und Nachfrage wieder annähern ist davon auszugehen, dass nach einer Phase extremen Wachstums Raum für notwendige und vielleicht überfällige Digitalisierungs- und Automatisierungsprozesse bleibt.
  • Drohende Strafzölle und der erwartete Einbruch in der Weltwirtschaft erhöhen den Druck auf Reeder und Hafenbetreiber, da Margen gefährdet sind und anstehende Investitionen in Lösch- und Ladeequipment sowie die IT-Infrastruktur abgedeckt werden müssen.
  • Ähnlich wie in anderen Industriezweigen sieht sich auch die maritime Logistik dem Trend der erhöhten Informationsnachfrage von Netzwerkpartnern gegenüber: Wo ist meine Ware, wann kommt sie an, wie ist die Turn-Around-Zeit eines Schiffs? Echtzeit-Informationen sind der Schlüssel zum Erfolg, und gleichzeitig das Alleinstellungsmerkmal gegenüber der Konkurrenz.


UNSERE VISION VOM DIGITALISIERTEN HAFEN

Einige Tage vor der Ankunft eines Schiffes steht die Planung: Ausreichend Ressourcen sind geblockt, um das Schiff in der geplanten Turn-Around-Zeit abzuwickeln. Im Rahmen des 3-Wochen-Forecasts liegt uns ein vollständiges Bild des Arbeitsvolumens vor. Buchungen wurden über ein Partnerportal von Agenten und anhand von Fahrplänen vorgenommen. 

Auch können wir bereits eine Aussage über die abzufertigende Fracht machen, da uns Lade- und Löschlisten elektronisch übermittelt wurden. Kurzfristige Änderungen können berücksichtigt werden, da für anliefernde und abholende LKWs Informationen in einem einheitlichen Format übermittelt werden. Auch über ein- und ausgehende Züge liegen uns über die Schnittstelle des Eisenbahnverkehrsunternehmens detaillierte Informationen vor.

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In unserer Vision vom digitalisierten Hafen steht der Informationsfluss zwischen den beteiligten Parteien im Mittelpunkt. Nur wenn prozesskritische Informationen allen Beteiligten zur Verfügung gestellt werden, können die Transportmittel und Cargo-Flüsse optimal orchestriert werden.

Während des Lösch- und Ladevorgangs, der mittels mobiler Geräte in Echtzeit verbucht wird, melden wir Fortschritte sowohl intern als auch an unsere Partner. So können die Warenströme ins Lager oder auf einen weiterführenden Verkehrsträger an die aktuellen Gegebenheiten angepasst werden. Die Verkehrsmittel für Vor- und Hauptlauf wurden zuvor avisiert und werden nun bei Ein- und Ausfahrt elektronisch erfasst.

Abgerechnet wird direkt im Anschluss, da uns die Informationen über durchgeführte Services sowie exakte Mengen unmittelbar elektronisch zugänglich sind. Kunden schwärmen von der Customer Experience, weil nun Cargo-bezogene Informationen in der Supply Chain zur Verfügung stehen. 



AUF DEM WEG ZUM VERNETZEN HAFEN – EINE ROADMAP

In einem Whitepaper haben die British Ports Association und der Hafen Rotterdam einen vierstufigen Meilensteinplan erstellt, der in groben Zügen die Roadmap für die Digitalisierung und Vernetzung eines Hafens vorstellt. Als Ziel führen sie die Wettbewerbsfähigkeit und Neukundengewinnung an.

  1. Digitalisierung der Prozessbeteiligten im Hafen
    Empfehlung: Fangen Sie im Kleinen an, die Prozesse der einzelnen Beteiligten zu digitalisieren. 
  2. Schaffen von integrierten Systemen in einer Hafengemeinschaft
    Über eine zentrale Plattform ermöglichen gewonnene Daten zuverlässige, effiziente und papierlose Informationsflüsse. 
  3. Die Logistikkette mit dem Hinterland integrieren
    Der Blick über den Tellerrand:  Neben den Prozessbeteiligten im Hafen (z. B. Port Authority, Terminalbetreiber, Reedereien, Agenten) werden nun auch Hinterland-Terminals, Containerdepots und Frachtführer zur besseren Planbarkeit in den digitalen Informationsaustausch eingebunden.
  4. Vernetzte Häfen in der globalen Logistikkette
    Im letzten Schritt steht die Kommunikation zwischen den einzelnen Häfen im Mittelpunkt, wobei diese wiederum mit ihrem Hinterland in Verbindung stehen. Es entsteht eine End-to-End-Logistikkette, die die Ausnutzung von verschiedenen Transportmitteln optimiert.


Diese schrittweise Umsetzung stellt eine hervorragende Grundlage bei der Erstellung Ihrer individuellen Roadmap dar. Im Folgenden lesen Sie, wie Informationen erfasst und ausgetauscht werden können, und welchen unmittelbaren Nutzen diese für Sie bringen. Dabei liegt der Fokus auf den ersten Schritten des Whitepapers.

  • WO BEGINNE ICH MIT DER DIGITALISIERUNG MEINER PROZESSE?

Für eine Digitalisierung der Umschlagsabläufe ist es wichtig, festzulegen, wie detailliert und aktuell die Information gesammelt werden sollen. Von der Antwort hängt die Anzahl der digital zu erfassenden Prozessschritte ab. 

Im Stückgutumschlag sind mobile Geräte mit WiFi und LTE in Gebrauch, welche durch das Abscannen von Barcodes an den Ladeeinheiten ein Echtzeit-Tracking erlauben. Dabei greifen sie live auf Listen zu und bestätigen Cargo-Bewegungen auf ID-Level. Der Fortschritt der Umschlagarbeiten und die Produktivität lassen sich so einfach feststellen und für Kunden oder interne Zwecke sichtbar machen.

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Mobile Cargo Handling Apps helfen Ihnen dabei, Informationen da aufzunehmen, wo sie entstehen.

Der reibungslose Informationsfluss innerhalb der eigenen IT-Architektur ist ein wichtiger Erfolgsfaktor: Wenn der Auftrag für die Schiffsankunft bei Planung und Abfertigung ebenso elektronisch verfügbar ist wie Bill of Lading und Manifest-Informationen, dann erlaubt dieser durchgängige Belegfluss detailliertes Monitoring und Reporting für alle Beteiligten.  Abweichungen vom Plan werden so frühzeitig identifiziert und Gegenmaßnahmen können eingeleitet werden.

  • WIE KANN ICH MEINE NETZWERKPARTNER INTEGRIEREN UND KOLLABORATIVE SYSTEME SCHAFFEN?

Die gewonnenen Informationen sind ein wichtiges Gut für Logistikdienstleister. Dabei fällt es häufig schwer, den Informationsfluss im Hafen zwischen den einzelnen beteiligten Personen und IT-Systemen sicherzustellen.

Der Erfolg gewählter Maßnahmen zur Digitalisierung kann sich nur einstellen, wenn die Supply Chain Prozesse ausreichend verzahnt sind.
Informationsflüsse über Software- und Unternehmensgrenzen hinweg legen Optimierungspotentiale offen, die durch Prozessverzahnung genutzt werden können.

Als Beispiel sei hier die LKW-Abwicklung im Terminal genannt:
Die Avisierung des LKW mit Informationen über Fahrer- und Fahrzeugdaten, ein Ankunfts-Zeitfenster sowie die letzten Ladungen des Transportmittels führen zu kürzeren Durchlaufzeiten und erhöhen die Prozesssicherheit.

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Bei der Zeitfensterbuchung für LKWs können weitere Informationen zu Fahrer und Fahrzeug avisiert werden.


  • WIE KANN ICH MIT DEN NEU GEWONNEN INFORMATIONEN BESTEHENDE KAPAZITÄTEN EFFIZIENTER EINSETZEN?

Eine digitale Liegeplatzplanung und Verkehrslenkung sind mittlerweile ein Must-have, um als Hafen im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Sie helfen bei der Produktivitätsoptimierung, da die Terminal- und die Hinterlandlogistik sich vorab über Zeiten zur Schiffsankunft informieren und danach planen können. 
Verschiebungen im Ablauf können in Echtzeit sichtbar und zugänglich gemacht werden. Freiwerdende Kapazitäten können umgeplant oder mögliche Kapazitätsengpässe frühzeitig erkannt werden. Auch lassen sich Lagerflächen effizienter einsetzen, wenn Schiffsankünfte und Be- und Entladevolumina in einem Prognose-Tool aufbereitet werden.
Wichtig ist, diese kapazitätsbezogenen Informationen online verfügbar zu machen und mit Supply Chain Partnern zu teilen. Nur so können freie Zeitfenster für den Schiffsumschlag und Schleusenzeiten sowie Lagerflächen von Kunden und Partnern kurzfristig gebucht werden, um die Produktivität zu erhöhen – was den Dienstleister aus Kundensicht attraktiver macht.



KONKRETE MASSNAHMEN ZUR DIGITALISIERUNG

Sie betreiben ein Terminal oder einen Hafen und wünschen Unterstützung bei der Umsetzung konkreter Maßnahmen zur Digitalisierung? Wir beraten Sie gerne und decken im Rahmen eines Digitalisierungs-Workshops Potentiale auf: 

  • Welche Netzwerkpartner (Kunden, Dienstleister, Partner) lassen sich in bestehende oder neu zu schaffende Prozesse einbetten, um den Informationsfluss in beide Richtungen zu optimieren? 
  • Wie können Sie sich als Teil einer kollaborativen Supply Chain positionieren, in der elektronische Statusmeldungen ausgetauscht werden um Verspätungen, Schadmeldungen oder allgemeine Transportdaten verfügbar zu machen?
  • Beziehen Sie Ihre Kunden und Partner mit in den Digitalisierungsprozess ein! Gerne führen wir mit Ihnen zusammen eine Umfrage durch, welche Daten ein Geschäftspartner liefern kann und welche er von Ihnen erwartet. Dadurch können Sie Ihre Beziehungen verbessern und sich gemeinsam für die Zukunft besser aufstellen.

Bei Fragen zu diesem oder anderen Themen im Blog wenden Sie sich bitte an blog@leogistics.com.

Jan-Philipp Horstmann
Senior Consultant SAP Logistics

 

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